250% San Marcos
Zwischen traditionellen Festwochen und US-amerikanischen Wurzeln
Eine
Reise nach Nicaragua bedeutet immer, sich auf das Ungewisse, Improvisierte und Ungeordnete einzulassen. Hier braucht man oft starke Nerven, viel Geduld und sollte vor allem Flexibilität sowie ausreichend Zeit mitbringen, denn den Großteil des Aufenthaltes verbringt man höchstwahrscheinlich mit warten: auf Busse, an langen Schlangen, weil die Verabredung nach der berüchtigten “Hora Nica“ – also ungefähr eine Stunde zu spät – kommt oder auch manchmal auch ohne ersichtlichen Grund. Warten um des Wartens Willen, könnte man sagen. Wer dann aber trotzdem eine Reise in dieses vielseitige, bunte, fröhliche und geheimnisvolle Nicaragua wagt, der wird gewiss vom “Land der 1000 Vulkane und Seen” mit offenen Armen empfangen.
Auch meine Reise begann mit dem Warten – auf den Bus von Managua nach San Marcos. Als dieser dann endlich erschien, brach sogleich ein Kampf unter allen Wartenden aus, einen Platz in dem kleinen Transporter zu ergattern. Dazu sollte gesagt werden, dass ein Bus in Lateinamerika niemals halbvoll oder mit der gleichen Anzahl an Fahrgästen, wie vorhandenen Sitzplätzen startet. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind meist zu 250% ausgefüllt und bringen einen gequetscht, gekrümmt und aufs Engste zusammen komprimiert von einem Ort zum Anderen. In jenem Fall besaß ich das Glück einen Fensterplatz zu ergattern und etwas von dem leichten Lufthauch durch den Fensterspalt abzubekommen. Somit erhielt ich auf der 45- minütigen Fahrt zugleich die ersten Eindrücke von der landschaftlichen Umgebung San Marcos’. Umsäumt von grünen Taelern und endlosen Bananenplantagen liegt Jenas Partnerstadt auf einem Hochplateau und besticht durch seine, im Vergleich zu den anderen Gebieten Nicaraguas, erfrischenden Temperaturen.
Ich hatte das Glück die Kleinstadt, welche etwa 30.000 Einwohner zählt, im April 2009 besuchen zu dürfen, also während der „Fiestas Patronales“, den berühmten Heiligenfesten. So erlebte ich verschiedene Veranstaltungen, wie die Wahl zur Señorita San Marcos,
ein Schönheitswettbewerb mit aufwendig gestalteten Kostümen. Weiterhin wohnte ich der Eröffnungsfeier einer Kunstausstellung der Maler aus San Marcos bei, welche besonders durch das musikalisch-literarische Zusammenspiel junger Studenten aus der Hauptstadt Managua glänzte. Auch eine typische Pferdeschau am Parque (Foto rechts), dem zentralen Punkt der Stadt, welcher sich mit kleinen Karusells und einem “Riesenrad” in diesen Wochen in einen Jahrmarkt verwandelt hatte, ließ ich mir nicht entgehen. Jedoch sollte das Heiligenfest erst nach meiner Abreise seinen Höhepunkt mit zahlreichen Tanzveranstaltungen und Umzügen in den bunten Kleinstadtstraßen erreichen.
Eine andere Merkwürdigkeit, die mir an San Marcos auffiel, war, dass man überall englische Wortfetzen im nordamerikanischen Akzent aufschnappen konnte. Bald darauf erfuhr ich, dass eine renommierte US-Amerikanische Universität ihren Sitz in dieser Stadt besitzt und alle Einheimischen mit nordamerikanischen Wurzeln an dieser Institution eine, für nicaraguensische Verhältnisse, überdurchschnittlich gute Bildung erfahren können. So sprechen viele auch in ihrer Freizeit Englisch und empfinden sich dadurch als etwas besseres, ihren Mitmenschen gegenüber, was einen wesentlichen Konflikt in San Marcos darstellt.
Die Einwohner von San Marcos, welche ich das Glück hatte, kennenzulernen, erschienen mir jedoch als außerordentlich gastfreundliche, fröhliche, aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen, die stets zu einem Scherz aufgelegt sind. Im Resümee kann ich sagen, dass ich in Nicaragua die freundlichsten Menschen antraf, die trotz großer Armut und oft einfachsten Verhältnissen gern teilen und einem ein Stück ihrer Kultur abgeben möchten. Somit ließ auch ich mit meiner Abreise einen Teil meines Herzens dort zurück. Eigentlich ein guter Grund bald zurückzukehren. Ich kanns gar nicht erwarten! Entonces, hasta pronto!
Stefanie Heyer (20) aus Jena
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